BRÜCKENGESCHICHTEN - PROJEKT PHASE I
HÖRDE HIER HÖRDE - Dokumentarisches Hörstück 2022, 31'47 Minuten Aufgenommen mit einem H2 Zoomrecorder, produziert an einem Laptop

 

Mitten in der Pandemie der Stadtgesellschaft eines ehemaligen Montanindustriestandortes im Ruhrgebiet die Identitätsfrage zu stellen, war kein Wunschszenario der Projektentwickler*innen des dokumentarischen Hörstücks Hörde Hier Hörde, erwies sich aber als das Quentchen Glück, das eine Produktion braucht. Mit einer mobilen Aufnahmeeinheit, einem Comic-Manual und einer Auswahl an Desinfektionsmitteln in einem Koffer in der jeweiligen eigenen Küche allein gelassen, formulierten Stadtbewohner*innen ebenso unerwartete und tiefgründige Einblicke in sehr persönliche Geschichten wie gleichermaßen Zeitzeugenberichte zu historischen Momenten.

Ein See sei in Hörde quasi über Nacht vom Himmel gefallen, sagt einer der Sprechenden. Da, wo vorher ganze Generationen von Familien ein Versprechen auf Beschäftigung auf Lebenszeit gehabt hätten. Und Rußflocken auf der frischen Wäsche und Rachits. Von der Fackel, die - bevor der See war - weithin durch den Morgennebel zu sehen gewesen sei. Und, dass es einen tiefen Riss gebe zwischen dem alten und dem neuen Hörde.

 

Veränderung bringt auch Gutes, Perspektiven, Wohlstand. Die Wahrheit liegt durchaus auf beiden Seiten eingelagert zwischen Erzählschichten und die Stadtgesellschaft wird noch mindestens eine Generation brauchen, um sich auf eine gemeinsame Version der Geschichte zu verständigen.

In der Audio-Collage Hörde Hier Hörde stehen die unterschiedlichen Perspektiven bereits heute gleichrangig nebeneinander. Rund 100 anonymen Erzähler*innen formulieren gemeinsam „die“ Geschichte ihrer Verortung und Identität. Eingebettet darin sind Geräusche, Töne, die nur noch für jene Stadtbewohner*innen lebendige Erinnerungsbilder entstehen lassen, die schon vor dem See da waren und die das Stahlwerk noch in Betrieb kennen, seine Stillegung erlebt und seinem Abtransport beigewohnt haben. Neue Töne sind dazugekommen, die Sounds der kultivierten Industrieruinen und internationalen Flaneur*innen am See.

 

Aber „etwas“ fließt immer noch, lange nachdem „es“ aus den Gesteinsschichten unter Hitze herausgekocht wurde – allerdings fließt es in der Gegenwart weniger rau, schwer und zäh. Viel schneller jetzt und lichter spült es fort, reißt es mit und überschwemmt mitunter auch, was sich nicht mehr schnell genug bewegen kann oder will. Aber es dringt in kleinste Ritzen und Spalten spült Dinge ans Licht und bringt neues Leben in die Ruhrgebietsstadt.

 

Hörde Hier Hörde ist das Ergebnis der ersten Phase des Projekts Brückengeschichten, das 2021 vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes NRW gefördert wurde